tz-Rotlichtserie

Stippvisite auf dem Straßenstrich

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Der Straßenstrich an der Hansastraße: Hier blüht von 22 bis 6 Uhr das Sex-Geschäft.
  • Andreas Thieme
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München - Im Zuge unserer Rotlichtserie berichten wir heute von der Arbeit auf dem Straßenstrich und diskutieren die Vor- und Nachteile des Sperrbezirks.

180 Bordelle und Sex-Wohnungen, neun Straßenstriche, 2800 Huren und die höchsten Preise der Republik: Das Münchner Sex-Gewerbe boomt. Da bleiben Probleme nicht aus: Menschenhandel, Ausbeutung und Prostitution im Sperrbezirk sind nur einige davon. Die Große Koalition plant eine Gesetzesreform und will Freier von Zwangsprostituierten bestrafen. Aber wie läuft das Geschäft mit der Lust wirklich? In einer tz-Serie in sieben Teilen knipsen wir im Rotlichtmilieu der Landeshauptstadt das Licht an. Wir sprechen mit Prostituierten, Puffbetreibern, Freiern, Polizisten und Hilfsorganisationen. Heute berichten wir von der Arbeit auf dem Straßenstrich und diskutieren die Vor- und Nachteile des Sperrbezirks.

Stippvisite auf dem Straßenstrich

Nur ein Meter Platz bleibt für Kira. Sie steht zwischen zwei Geländewagen auf dem Seitenstreifen, um wenige Zentimeter überragt ihr blondiertes Haar das Dach – dank ihrer steilen Absätze. Auf weißen Stiefeln tänzelt sie vor bis an die dicke Fahrbahnmarkierung, sie bleibt stehen und schaut sich um. Noch ist kein Freier in Sicht. Es ist kurz vor 22 Uhr. Leichter Nieselregen gefriert entlang der Hansastraße.

Bis 6 Uhr morgens dürfen Kira und Kolleginnen hier stehen – ab Hausnummer 27 bis 100 Meter vor der Westendstraße. So sieht es die Richtlinie der Stadt vor. Offiziell verläuft in der Hansastraße eine von neun erlaubten Anbahnungszonen.

Gegen

Eine Prostuierte steigt an der Freisinger Landstraße zu einem Freier ins Auto ein.

Mitternacht hat Kira Gesellschaft. Etwa 20 Frauen haben ihren Arbeitsplatz eingenommen. Sie tragen dicke Jacken und kurze Röcke, viel Schminke und offene Haare. In kleinen Gruppen rotten sie sich zusammen, kauen Kaugummi und kichern. Ihre Nylonstrümpfe funkeln in die Nacht, die Konkurrenz ist groß. Im Minutentakt schleichen Autos vorbei. Sie halten und schauen, am Fenster wird verhandelt. Die Gespräche sind kurz, die Frauen lächeln angestrengt. Wenn sie Glück haben, dürfen sie einsteigen. „Sex im Auto ist aber nicht erlaubt, in Hotels nur außerhalb des Sperrbezirks“, sagt Bernhard Feiner (49), Chef der Münchner Sitte, die das Milieu überwacht. In der Hansastraße ist das kein großes Problem: Hier können sich die Freier mit den Liebesdamen in Stundenhotels oder Bordelle einmieten. Danach geht’s wieder raus auf die Straße.

Von einer Amüsiermeile ist der Straßenstrich weit entfernt. Nur noch rund drei Prozent der Münchner Prostituierten arbeiten dort. 85 von 2800. „Viel los“ ist laut Feiner auch in der Landsberger Straße. Hier verläuft der Strich in einer Einbahnstraße, zwischen parkenden Autos schlängeln sich fünf Frauen wie Bienen um Blech. Mit Fellstiefeln an den Füßen lugen sie dazwischen hervor. Nur Straßenlaternen schützen sie vor der Dunkelheit.

Nur in zwei Anbahnungszonen ist der Kontakt zu Prostituierten ganztägig möglich. Zum Beispiel in der Ingolstädter Straße: Hinter Baggern und Containern grenzt ein Maschendrahtzaun das Gelände ein, nur die Zufahrt ist offen. Acht Kombis oder Kastenwägen stehen auf einem verlassenen Parkplatz. Hinter dem Steuer sitzen müde Frauen und rauchen. Innen läuft die Standheizung, draußen klirrt der Frost. „Es ist manchmal ein harter Job“, sagt Martina (39). Früher war sie Verkäuferin. „Hier habe ich Stammkunden, mit ihnen ist es schön.“ Im Fünf-Minutentakt biegen Autos auf den Parkplatz ein – schicke Geschäftswagen fahren Furchen in den Schneematsch, von hinten spritzt der Dreck an ihre Kennzeichen aus dem Landkreis. Wer hier hält, weiß was er will. „In der Mittagspause kommen einige“, sagt Martina. Abends sowieso. Aber der Winter ist schwierig für’s Geschäft, es wird früh dunkel. Offiziell ist Sex hier verboten. Aber ein Kastenwagen wackelt. Rote Vorhänge verhüllen den Fond.

Weniger los ist mittags an der Freisinger Landstraße. Den Strich hier sieht aus wie ein langgezogener LKW-Rastplatz. Auf einem Schild steht „Müll und Unrat abladen verboten“. Ein karger Fleck. Aber das Geschäft läuft: Ein schwarzer BMW rauscht heran, hält neben dem Kombi der einzigen Liebesdame am Platz. Wie bestellt steigt sie ein. Nach fünf Sekunden ist der Parkplatz leer.

„Die Mehrheit der Prostituierten noch nie am Straßenstrich gearbeitet“, sagt Feiner. Die Arbeitsbedingen sind hart, das Ansehen schlecht – bei Wind und Wetter stehen die Frauen draußen. Alternativen? Gibt es für viele nicht. Laufhäuser, Bordelle und Clubs verlangen Tagesmieten bis zu 170 Euro für ein Zimmer. Das rechnet sich nicht für jede Frau. Aber: „Ich kenne auch Kolleginnen, die explizit auf dem Strich arbeiten wollen. Die Arbeit bietet ihnen Freiheit und Unabhängigkeit von Betreibern“, sagt Undine de Rivière vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen. Die Szene schrumpft – 2003 gingen noch 170 Frauen auf den Strich – aber sie bricht nicht weg. „Weil ein geringer Prozentsatz der Freier dieses Ambiente wünscht“, sagt Feiner. Er ist sicher: „Den Straßenstrich wird es immer geben.“ Für die Friedensstraße gilt das nicht. „Wegen der Party-Szene in der Kultfabrik kamen keine Kunden mehr“, sagt Feiner. „Die möchten natürlich nicht beobachtet werden, wenn sie mit Prostituierten verhandeln.“

Andreas Thieme & Beate Winterer

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